Die etablierten Hersteller tun sich mit Elektro-Motorrädern schwer. Auch KTM hat fünf Jahre lang getüftelt - doch jetzt rollen die ersten Freeride E-Crosser ins Gelände. Das Resultat der Fahrprüfung durch moto1203: Das Warten hat sich gelohnt.
Hannes Proschek hat bis 2009 für das Toyota Formel 1-Team gearbeitet. Sein Management-Job dort war es, noch mehr Leistung aus Menschen und Motoren rauszukitzeln: „Das war nicht immer einfach.“ Jetzt sitzt er in seinem Büro bei KTM in Mattighofen, kann auf eine grüne Wiese sehen, und soll als Projektleiter eines der größten Wagnisse des österreichischen Motorradherstellers zu einem guten Ende führen: die Markteinführung des Freeride E-Crossers. Proschek, der 2010 in Mattighofen angeheuerte, ahnte damals schon: „Auch das wird nicht ganz einfach.“
Als KTM im Sommer des Jahres 2007 eine Geländemaschine mit Elektro-Antrieb ankündigte, hielten die meisten Betrachter den Prototypen für eine witzige Fingerübung der Rennsport-Ingenieure, die in Mattighofen eine riesigen, majestätischen Entwicklungstrakt bevölkern.
Doch Stefan Pierer, Vorstandsvorsitzender von KTM, nahm die Sache von Anfang an ernst. Er sieht ein zukünftiges Firmenstandbein in der lautlosen E-Fahrzeugen; die jetzt vorgestellte Sportvariante und später Wander- und Straßenversionen sollen neue Käufer ansprechen: „Wenn die Anwendung des Sportgerätes lautlos näher an die Städte rückt, steigt die Akzeptanz,“ sagt Visionär Pierer. Er will folgerichtig Citynahe E-Parks entstehen sehen und E-Crossen zur einer neuen Trendsportart wie Mountainbiking machen.
Globalisierung des Elektrobaukastens
Der erste E-Park liegt zur Zeit noch hinter dem KTM-Betriebsgelände in Mattighofen. Dort steht nach fünf Jahren Entwicklung auch die erste Freeride E, die man fahren darf. Die Strom-KTM könnte auch als 80er oder 125er Cross-Maschine durchgehen; die Farbgebung und die Komponenten wie Leichtbaurahmen, WP-Gabel und Federbein sowie Bremsen und Fahrwerk sind typisch „ready to race“ und Mattighofen-like hochwertig. Gegen diesen kleinen Qualitäts-Renner wirken die Konkurrenten wie die Zero oder Quanta eher hausbacken und handgestrickt. Auch das Gewicht von 95 Kilogramm und die Leistung passen: umgerechnet bis zu 30 PS und ein maximales Drehmoment von 42 Nm schon vom Start weg, das kann sich in der 125er-Klasse sehen lassen.
Die Power kommt nun allerdings nicht mehr aus dem traditionellen Verbrenner mit Vergaser, sondern aus einem staub- und wasserdichten gekapselten, bürstenlosen Synchronmotor. Das Aggregat wird von einem 2,1 kWh-Batteriesatz mit Lithium-Ionen-Zellen und 300 Volt Betriebsspannung angetrieben. Das ändert Fahrzeugcharakter und -optik komplett: Schaltgetriebe, Kupplung, Tank, Krümmer und Auspuff entfallen ersatzlos. Benzinfüllaktionen im Gelände, das Säubern von verdreckten Luftfiltern, scheppernde Klemmen an verölten Endtöpfen und bläuliche Rauchfahnen – die typischen Offroad-Dramen kann man ab sofort vergessen.
KTM hat für die Entwicklung der Freeride E – und das mag mit eine Grund für die langen fünf Jahre seit Projektbeginn sein – viele Experten an Bord geholt. „Ein E-Bike sieht auf den erste Blick zwar vergleichsweise simpel aus, aber in jeder Komponente steckt langjährige Erfahrung, die nicht unbedingt vor der Haustür zu finden ist,“ erklärt Hannes Proschek.
Die KTM E ist folgerichtig ein globales Fahrzeug: Dutzende japanische Batteriezellen mit jeweils 3,6 Volt von Panasonic werden von einer Firma in Warschau im Akku-Block verbaut. Die elektronische Steuereinheit hat die Salzburger Niederlassung einer britischen Firma maßgeblich mitentwickelt. Der „Perm“-Motor wird von Heizmann im Schwarzwald geliefert und in ein KTM-Gehäuse gesteckt. „Ohne diese Lieferanten hätte KTM so ein Fahrzeug nie aus dem Werkstor gebracht. Andererseits wäre niemand außer KTM in der Lage gewesen, so ein Fahrzeug zu bauen“, sagt Proschek. „Wir haben das Geländesport-Knowhow.“
Idiotensichere Geländefreuden
Im Gelände geht die Freeride wie Schmidts Katze. Ein Klick am Einschalter, dann „bootet“ sich das Fahrzeug hoch. Ein beherzter Griff am Ride-by-Wire-„Gas“ und schon auf der schwächsten Stufe der drei Powermodi wühlt sich das Hinterrad in den Schotter. Wheelies aus dem Stand sind kein Problem; der Freeride E mangelt es also nicht an Kraft. Die soll sie, so Proschek, bei einem Amateurfahrer über 45 Minuten bringen; Profi saugen den Batterie-Pack auch schon mal in 30 Minuten leer. Langsame Wanderfahrten sollen bis zu einer Stunde möglich sein. Geladen ist der Akku nach 90 Minuten; der Wechsel des massiven Hochvolt-Blocks, der gegen Stürze und Kurzschlüsse gut geschützt ist, dauert nicht länger als drei bis vier Minuten.
Der Fahrspaß mit einem E-Antrieb ist jedenfalls garantiert, besonders für Offroad-Novizen, weil erheblich weniger Koordination als bei einem Benzingetriebenen Crosser erforderlich ist. Beispiel: ein Drift durch enge Kurven. Bei der Freeride E kann man auf wohldosiertes, gleichzeitiges Bremsen, Schalten, Kupplungsschleifen und Gasgeben verzichten. Hier reicht der beherzte Griff in die Bremsen und volle Kraft voraus im Scheitelpunkt. Und hui! Ein E-Bike gibt sein Drehmoment schon bei 500 Umdrehungen voll ab – und ist auf Teufel komm raus nicht abzuwürgen. Dieser Motor säuft nie ab und geht nie aus.
Weil deshalb auch niemand bei Antreten verzweifelt, sind neben den stadtnahen Trendsportlern auch schon andere Zielgruppen wie Jäger, Waldarbeiter und alpine Kurgemeinden mit Mountainbike-Strecken im Visier. Seit Juli werden die ersten Hundert von insgesamt 500 Vorserie-Maschinen ausgeliefert - doch bisher nur an KTM-Mitarbeiter, handverlesene Offroad-Experten und wenige Privatfahrer, die sich über eine spezielle Website bewerben können.
Sie sollen das E-Mobil unter Alltagsbedingungen testen: Wie macht sich der Motor bei einer ordentlichen Schlammpackung im Gelände und regelmäßiger Malträtierung durch einen Kärcher? Hält die Batterie auch im Winter durch? Welche Kosten entstehen für eine zweite, geleaste Wechselbatterie?
Diese Fragen, das nimmt KTM nicht zu Unrecht an, müssen spätestens im Frühjahr 2013 positiv beantwortet sein. Dann sollte die Freeride E für einen Preis knapp unter 10.000 Euro in den Verkauf gehen.
Hier alle Fotos bei SPON:



























